Freitag, 7. August 2009

5. Etappe: Finsterbrunnertal - Landstuhl

An einen Abbruch der Tour ist jetzt nicht mehr zu denken. Es gibt keinerlei öffentliche Verkehrmittel und nach dem gestrigen Kraftakt werden wir zuversichtlich unser Ziel erreichen. Es hilft alles nichts. Weitermachen!

Um 7h klingelt der Wecker. Die Fensterscheiben sind beschlagen. Extrem schwüles Klima. Wir sind mitten im Wald und die Funktionswäsche ist nicht getrocknet. Hätten wir ein Biwak im Wald aufgeschlagen wären wir wahrscheinlich im Schlafsack ertrunken. Frühstück gibt es wie gehabt im Naturfreundehaus immer ab 8h. Robert ist seltsam. Er ist in einer komischen Stimmung. Mittlerweile versorgt sich Kasia mit Hansaplast. Ohne die Trekking Sandalen der Frau wären wir gestern sicherlich nicht angekommen.

Vor dem Frühstück will Robert vor das Haus - eine rauchen. Toll die Türen sind noch verschlossen. Lösung des Problems: Hebel für den Notausgang runtergedrückt und wie ein Wunder: Sesam öffne dich - wird der Weg nach draussen frei. Kurz darauf trifft auch schon der Hüttenwirt mit dem Frühstück ein. Anschiß kassiert. Robert versucht sich rauszureden.

Endlich ist es soweit. Frühstücken. Highlight: Es gab Tomaten. Peter hatte gestern 12 Zecken aufgesammelt. Bei uns bislang: Fehlanzeige! Das lag sicherlich daran, dass die beiden immer vorraus gelaufen sind und den Weg vom gemeinen Holzbock freigeräumt haben.

Heute wird es eine lockere Tour. Dachten wir zumindest. Nur 18km. Aufbruch. Vorher noch kurz die Pilgerpässe abstempeln lassen. Der Wirt wusste am Vorabend nicht wo sich der Stempel aufzufinden war.

Die noch vom Vortag nassen Klamotten werden mit Hilfe von Karabinern und Wäscheklammern am Rucksack festgebunden. Büstenhalter und Unterwäsche auch. Kasia war es peinlich. Wen stört das? Freiheit pur!


Wir sind alle zusammen aufgebrochen. Peter geht seinem Angebot nocheinmal nach. Er drückt uns formlos einen Hunderter in die Hand. Werden das Geld gleich am Montag nach unserer Rückkehr überweisen.


Auszeit. Mal wieder eine kurze Pilgerpause: Rucksäcke ab, Wasser trinken, eine Pfeife genießen. Immer wenn man eine Bank benötigt wird, ist kilometerlang Ebbe. Eine Pause im Stehen kann auch sehr entspannend sein um neue Energie zu tanken.

Überall auf dem Weg liegen Käfer auf dem Waldboden. Und mit liegen meinen wir liegen. Die Insekten liegen auf ihrem Rücken und mit eigener Kraft kommen sie auch nicht mehr auf ihre sechs Glieder. Tierliebe hin oder her. Zum Umdrehen eines jeden hatten wir auch keine Zeit.


Wir kommen an Gelterwoog vorbei. Einem See in dem Robert und Kasia schon vor Jahren bei einem Tagesausflug gebadet haben. So klein ist die Welt. Den See haben wir damals durch Zufall entdeckt und uns immer wieder gefragt, wo dieser denn war.

Herrliches Panorama und es scheint so als hätte Petrus das Wetter für uns bestellt. Hatte es die zwei Wochen vor unsrem Start doch nur geregnet.

Unterwegs nascht Kasia Waldheidelbeeren. Gab es die ganze Woche doch keine Schokolade!

Im Wald begegnen wir einem älteren Herrn. Wir kommen mal wieder ins Gespräch. Er hat Arthrose und ein künstliches Hüftgelenk. Bewegt auf seinen Leki Stöcken im Schneckentempo. Aller Hand, treibt er doch täglich immer noch Sport.

Um 12h treffen wir wieder auf Christina und Peter. Sie haben mal wieder eine ausgeprägte Pause gemacht. Wenn man so gut auf den Beinen ist, kann man sich diese ja auch leisten. Wir kommen an zwei Quellen vorbei. Es wird herumgealbert. Uns geht es einfach immer noch zu gut. Das Wasser war eiskalt und köstlich. Unsere lauwarmen Wasservorräte versickern im ausgetrockneten Erdboden und wir versorgen uns mit frischem Quellwasser.


Ist Wasser doch das wichtigste was wir täglich bei uns haben. Wie kostbar dieses Gut ist werden wir morgen bitter erfahren müssen. Das Wetter war extrem heiß. Nach einer weiteren Verschnaufpause wird die Fährte zu Peter und Christina wieder aufgenommen. Sind die beiden mal wieder nicht mehr in Sichtweite.


Wir treffen auf das Naturdenkmal "Steigerhofer Eichen". Der Weg ist umgeben von 300 jährigen Eichen, welche sich der Zerfallsphase ihres Lebens befinden. Ein Schild des Forstamtes Kaiserslautern warnt: "Totäste in den Baumkronen können abbrechen und herunterfallen (...) Sie können den Bereich umgehen (...) Benutzung auf eigene Gefahr"

Zum Glück sind wir das Risiko eingegangen. Zu beeindruckend war es, den Blick auf die Baumkronen gerichtet, das Gebiet zu durchqueren.


Wir treffen wieder auf unsere Wegbegleiter und treffen schließlich in Burg Nanstein ein. 1160 durch Kaiser Barbarossa als Sicherungsburg erbaut. Die Sickingen Stadt Landstuhl verdankt seinen Namen Besitzer dieser Burg: Reichsritter Franz von Sickingen.

Wir werden zusammen über eine Stunde pausieren. Es wird gespeist: Kasia bestellt sich eine große Portion Pommes Frittes mit Heinz Ketchup, Christina bekommt eine Riesenportion Käsespätzle und einen Salat. (Nachdem die Bestellung vor einer halben Stunde aufgegeben wurde.)

Unsere Männer, das war ja mal wieder klar, gönnen sich zur Feier des Tages ein Bier.

Der Kellner hält die zu bewirtenden Gäste bei Laune. Ein Mitte 40 jähriger Italiener mit gepflegter Dauerwelle und dem dazugehörigen Charm. Peter ist nur noch am Kopf schütteln. Gute Mine zum bösem Spiel. Die Selbstdarstellung war nach der Tour einfach zu viel! Robert erschleicht sich eine Zigarette von ihm.


Peter verschwindet für eine halbe Stunde in der Burg und macht eine Besichtigung. Robert kann sich irgendwie auch nicht mehr aufraffen und schafft es gerade noch die Treppen der Burg zu erklimmen um einen Pilgerstempel für die heutige Etappe zu holen. Der nette Pförtner hat uns schon aus der Ferne gerufen, ob wir Pilger seinen. Er wird wieder auf die Muscheln an unseren Rucksäcken aufmerksam gemacht worden sein. "Nur bei mir gibt es den offiziellen Pilgerstempel!" Eine schöne Muschel in roter Tinte mit der Aufschrift "Pfälzer Jakobsweg" ziert jetzt unsere Pilgerpässe.


Zusammen brechen wir wieder auf. Berab habe ich imme noch Probleme mit dem Knie und so hinke ich mit gebührenden Abstand hinterher.

Wir werden bei Bekannten von Bekannten nächtigen die wir persönlich noch nie getroffen, geschweige denn gesprochen haben. Unser Gastgeber heute abend: Krisca, sie ist die Bekannte einer Freundin von Kasias Mutter. Sie betreut einen xx jährigen Mann, Alfred und dessen Frau. Christina wird mit Peter in einem Hotel Unterschlupf finden.


Ein letzter Ausblick auf das wunderschöne Panorama von Landstuhl! Was macht denn die Bank jetzt hier?


Den Pilgerstab fest in der linken Hand verankert, versucht man oft seinen eigenen Schatten zu überspringen. Was auch erstaunlich oft gut funktioniert.


Glücklich erreichen wir unser heutiges Tagesziel. Krisca sprang schon bei unserer Ankunft aus dem Haus. Die Frau war einfach der Knaller. Wir werden herzlich mit Küssen und Umarmungen empfangen. Kannten wir die Menschen doch gar nicht.

Wir begrüßen den Opa, der sichtlich erfreut über unseren Besuch ist. Er freut sich bestimmt schon auf die Unterhaltungen und das Bierchen am Abend. Auch seine Frau begrüßen wir. Sie schläft. Sie ist bettlägrig und hat ihr Bett seit 10 Jahren nicht mehr verlassen. Berühren bei der Begrüßung ihre Hand. Sie schlägt kurz die Augen auf und irgendwie bekommt man den Eindruck sie würde stumm "Herzlich willkommen" sagen. Nach diesem kurzen Augenblick, im wahrsten Sinne des Wortes, schließt sie wieder ihre Augen und schläft weiter.

Wir legen unsere Habseligkeiten ab und verschnaufen. Danach gibt es eine gepflegte Dusche.

Krisca wäscht derweil unsere Bekleidung. 30°, kein Weichspüler lautete die Anweisung. Schließlich sollte aus der Funktionsbekleidung auch eine solche bleiben.

Der Tisch war reichlich gedeckt. Zum Abendessen gab es Hähnchenschenkel in einer Wildpilz-Rahm-Sauce. Dazu Nudeln. Meinen Salat bekommt Kasia. Sie hat diesen vermisst und Robert macht sich nicht sehr viel daraus. Fleisch ist sein Gemüse.

Danach geht auf den Balkon. Kasia bekommt ein Massage Fussbad in Salzwasser mit ätherischen Ölen. Sind in einem Wellness Hotel? Als Alfred Kaisas Blasen begutachtete, verstand er die Welt nicht mehr. "Wie geht das? Hast du vorher nicht in die Schuhe gepinkelt?" Albert ist über 2.000km in 40 Tagen bis vor Moskow gelaufen. Er verliert nur kurze Sätze über diese Zeit. Tränen sind in seinen Augen erkennbar. Man kann sich nur glücklich schätzen so etwas nicht miterlebt zu haben.

Im Laufe des Abends plätten Kaisa und Krisca 2 Flaschen Sekt. Robert macht es sich mit Alfred mit einem Bier gemütlich. Es wird viel erzählt.

Alfred ist begeisterter Fussballer! Und heute ist Bundesliga Auftakt. Er hat gegen Fritz Walter gespielt. Sie wollten ihn damals nach Kaiserslautern holen. "Das war mir dann aber doch zu weit" meinte er verschmitzt. Er hat einen feinen Humor und es macht Spaß im zuzuhören. Er zeigt uns Fotos. Horst Eckel, einer unserer letzten Helden der Fussballweltmeisterschaft 1954 kennt er auch. Dieser ist ja in Vogelbach, Bruchmühlbach-Miesau geboren, einem Ort, an dem wir morgen auch vorbeistreifen werden.

Nach der ganzen Ruhe - die letzten Tage auf sich alleine gestellt zu sein, war der Abend irgendwie doch zu viel und zu aufregend. Irgendwie hat es uns aus unserer kleinen Welt heruasgerissen. Wir waren die Hektik nicht mehr gewöhnt.

Nach dem schönen und interessanten Beisammensitzen gehen wir in unser Gästezimmer. Alfred schaut sich noch Bundesliga an. Kurze Tourplanung für morgen, Karten studieren. Noch kurz gestrullert und getwittert, dann heisst es gute Nacht!

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